120 kg Leermasse

Wie wird die geforderte „Leermasse“ von maximal 120 kg bestimmt?

Vorneweg die Definition der Begriffe, um die es hier geht. Wir müssen unterscheiden: „Leermasse“ – „Rüstmasse“ – „Startmasse“

Wikipedia sagt es knapp und klar:

  1. „Mit Rüstmasse (auch: Rüstgewicht; Formelzeichen: GRüst, Dimension: kg) bezeichnet man bei einem Flugzeug das Gesamtgewicht von Flugzeugzelle, Motoren sowie der ständigen und zusätzlichen Ausrüstung.“
  2. „Durch Wegfall der zusätzlichen Ausrüstung ergibt sich die Leermasse„.
  3. Die Summe von Rüstmasse und Zuladung ergibt die Startmasse eines Flugzeugs. Siehe auch: MTOW“

Bei einem Ultraleichtflugzeug (UL) spielt die „Leermasse“ eine untergeordnete Rolle. Das UL wird primär über die maximal zulässige Startmasse MTOW (Einsitzig 300 kg ohne Rettungssystem) von höheren Flugzeugklassen abgegrenzt.

Die kleineren, deregulierten Leichten Luftsportgeräte = LL grenzen sich nun von den UL unabhängig von der Startmasse durch die Begrenzung der Leermasse ab. Sie darf nur 120 kg betragen.

Ursprünglich war auch in den für die LL gemachten Bauvorschriften (LTF-L) die Startmasse im Gegensatz zum UL auf 260 kg begrenzt. Seit der Jahreswende 2015 / 2016 werden aber alle europäischen UL-Zulassungen unmittelbar, d.h. ohne Zusatzforderungen für die Eintragung als LL akzeptiert, wenn nur das Leergewicht von 120 kg nachgewiesen wird (siehe Rubrik Zulassungen). Da die UL-Einsitzer aber überall in Europa eine Startmasse bis zu 300 kg (ohne Rettungssystem) haben dürfen, ist das MTOW kein Unterscheidungs-Kriterium mehr zwischen LL und UL.

Bleibt also als im Unterschied nur noch die Leermasse. Von der will jeder Konstrukteur eines LL natürlich möglichst viel für die entscheidenden Baugruppen Zelle und Antrieb nutzen, um einen attraktiven Flieger trotz der Gewichts-Beschränkung herstellen zu können.

Zielführende Anwendung der Gesetze bei den LL:

Die ständige Ausrüstung wird bei einem LL zur bestmöglichen Ausschöpfung des Gewichtslimits möglichst klein gehalten. Sie muss nur das umfassen, was das Gesetz für die Zulassung des Musters / zum Betrieb des Fliegers als Minimum einfordert. Die Bauvorschrift für LL-Dreiachser, wenn auch inzwischen Makulatur, sagt dazu sehr klar:
§ 29 LTF-L
(a) Die Leermasse und die zugehörige Schwerpunktslage müssen durch Wägung des Luftsportgeräts
mit –
(i) fest eingebautem Ballast,
(ii) geforderter Mindestausrüstung (iii) installiertem Rettungssystem …………….. ……………….ermittelt werden

Die Mindestausrüstung für einen motorisierten 120 kg – Dreiachser besteht aus

  •  Fahrtmesser
  • Höhenmesser
  • Kompaß
  • Überwachungsinstrument(e) für den Antrieb, so weit der Hersteller des Antriebs dies vorschreibt

Warum sollte ein Konstrukteur, der in dieser Klasse „mit jedem Gramm kämpft“, als „ständige Ausrüstung“ (siehe oben Wikipedia) mehr vorsehen als die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Mindestausrüstung?

Alles andere darf gerade in dieser Klasse mit Fug und Recht als zusätzliche Ausrüstung nach Wunsch des Halters vorgesehen werden. Denn im gesetzestreuen Gegensatz zu den oft „konstruktionsbedingt überladenenUL“ klafft zwischen den 120 kg der Leermasse und der maximalen Abflugmasse von 260 oder gar 300 kg eine Gewichtsspanne, die auch gewichtige Piloten nur mit Mühe durch zusätzliche Ausrüstung und / oder Gepäck gefüllt bekommen.

Es ist also nicht nur legal, sondern entspricht auch dem gesunden Menschenverstand, wenn alles, was nicht die Flugeigenschaften beeinflusst, sondern nur dem Komfort, der Ästhetik oder der Sicherheit dient, als zusätzlichen Ausrüstung vom Halter nachgerüstet werden kann. Die Rüstmasse darf bei einem LL daher durchaus 130 kg betragen. Bei 250 kg maximal zulässiger Abflugmasse bleiben dann immer noch z.B. 100 kg für den Piloten, 13,5 kg für 18 Liter Treibstoff (etwa 3 h Endurance) und 7,5 kg Gepäck. Zu letzterem darf dann auch z. B. ein tragbares Funkgerät und ein Knie-iPad gezählt werden. (Im Gegensatz zu UL müssen LL nämlich nicht grundsätzlich mit einem Funkgerät ausgestattet sein.)

Damit bei dieser Regelung der zusätzlichen Ausrüstung kein Unfug getrieben wird, hat der Gesetzgeber aber sowohl in den Bauvorschriften für LL als auch für UL eine ganz einfache Grenze gezogen:

§ 29 LTF-L 

(a) Die Leermasse und die zugehörige Schwerpunktslage müssen durch Wägung des Luftsportgeräts……………………………………………………………………………………

(2) ohne -
………………………………..
(ii) andere leicht entfernbare Teile der Beladung ermittelt werden.

(b) Der Zustand des Luftsportgerätes zur Zeit der Bestimmung der Leermasse muss genau definiert und ohne Schwierigkeiten wieder herstellbar sein.

In anderen Worten: Ohne Schwierigkeiten wieder abschraubbare Verkleidungsteile, eine abnehmbare, bequeme Sitz- und Rückenpolsterung, einzuhängende Türen oder eine größere Haube für die kalte Jahreszeit, Schmutzabweiser / Radschuhe etc.etc. All das muss an der lufttüchtigen, muster- und/ oder stückgeprüften Standard-Version bei der Wägung eben nicht drin und dran sein. Mag der geprüfte / gewogene Vogel  noch so spartanisch aussehen. Das betrifft auch die Motor-Cowling, wenn sie nicht technisch zur Kühlluftführung nötig ist und der Motor ohne sie zu heiß würde. Nicht zulässig, da nicht „ohne Schwierigkeiten wieder herstellbar“, sind aber z. B. Umrüstungen einer Spornrad – auf die Bugrad-Version etc.

Der Vollständigkeit halber der entsprechende Passus aus der UL-Zulassung
§ 29 LTF-UL: „Der Zustand des Flugzeuges zur Zeit der Bestimmung der Leer-masse muss genau definiert und ohne Schwierigkeiten wieder herstellbar sein.“

Wichtig ist, dass der Halter / Pilot zusätzlich zum Wägebericht des 120 kg -Musters eine Liste der zusätzlichen Ausrüstung mit den dataillierten Gewichtspositionen für jedes Austattungsteil mit sich führt. So kann bei Bedarf auch ohne „Wiederherstellung des Gerätes“ mit seiner gewogenen 120 kg Leermasse eine Überprüfung durch einfaches Wiegen der Gerätes in seiner Rüstmasse erfolgen. Denn siehe oben: Rüstmasse abzüglich zusätzliche Ausrüstung ist Leermasse!

Das Rettungssystem

Für die Praxis ist bei der Feststellung der „Leermasse“ wesentlich, dass neben Deutschland kein weiteres Land in Europa ein Rettungssystem verbindlich vorschreibt. Entsprechend kann z. B. in Frankreich bei der Zulassung als UL die Leermasse mit 119,5 kg ohne Rettungssystem festgestellt werden, trotzdem darf der Flieger als LL eingetragen werden, da die europäischen Prüfungen / Zulassungen unmittelbar gültig sind. Zur Nutzung der deutschen UL-Prüfung nach LTF-UL für die Eintragung als LL müssen die 120 kg inklusive Rettung erreicht werden. Der Gewichtsvorteil von 6 bis 10 kg bei z. B. französischer Zulassung ist für den Hersteller oft entscheidend, ob er ein attraktives, marktgerechtes LL realisieren kann (Siehe Rubrik Zulassungen).